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Erinnerung und Wahrheit in der Geschichtserzählung über die Verbrechen des NS-Regimes
28.09.2017 Polnisches Institut Wien

Am Donnerstag, den 28. September fand im Polnischen Institut Wien die Diskussion „Erinnerung und Wahrheit in der Geschichtserzählung über die Verbrechen des NS-Regimes“ statt, deren Teilnehmer ihr besonderes Augenmerk auf die sog. fehlerhaften Gedächtnis-Codes gerichtet haben. Das Treffen wurde in Kooperation mit dem Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten der Republik Polen, dem Witold-Pilecki-Zentrum für Totalitarismusstudien in Warschau sowie dem Wiener Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstands organisiert.

Fehlerhafte Gedächtnis-Codes sind eine Art historischer Narration, die zur Verfestigung eines falschen Bildes geschichtlicher Ereignisse beiträgt. Beispiele für falsche Begriffe, die mit den Orten der Verfolgung und Tötung von Juden durch das nationalsozialistische Deutschland auf besetztem polnischen Gebieten zusammenhängen, sind u. a. „polnische Konzentrationslager“ und „polnische Todeslager“, aber auch „polnische Nazis“, „polnische SS“, „Nazi-Polen“ oder sogar „polnische Gestapo“.

Um das österreichische Publikum für die noch allzu oft in den Medien im Ausland vorkommenden Entstellungen der historischen Wahrheit über den Holocaust in Polen zu sensibilisieren, lud das Polnische Institut zu einer Diskussion die folgenden Gäste ein: Prof. Dr. Artur Nowak-Far (den ehemaligen Unterstaatssekretär im Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten der Republik Polen, Professor für Rechtswissenschaften an der Wirtschaftsuniversität SGH in Warschau, Co-Autor und wissenschaftlichen Redakteur der Publikation „Defective Codes of Memory” – deutsch: „Die fehlerhaften Gedächtnis-Codes“), Dr. Krzysztof Strzałka (Politikwissenschaftler, Historiker, stellvertretenden Direktor des Departements für öffentliche und kulturelle Diplomatie des polnischen Außenministeriums) sowie Dr. Winfried Garscha (Vertreter des Dokumentationsarchivs des Österreichischen Widerstands, der sich in seiner Arbeit u.a. mit dem Thema „Der Komplex Lublin-Majdanek und die österreichische Justiz“ beschäftigt). Moderiert wurde die Diskussion von Mag. Dariusz Pawłoś (dem Vorstand der Stiftung „Polnisch-Deutsche Aussöhnung“, der an den Projekten des Witold-Pilecki-Zentrums für Totalitarismusforschung in Warschau mitarbeitet, und Presseattaché sowie I. Botschaftssekretär der Botschaft der Republik Polen in Berlin ist).

„Das Außenministerium der Republik Polen betreibt eine sehr aktive Politik, was das Reagieren auf die in den Medien im Ausland erscheinenden sog. „fehlerhaften Gedächtnis-Codes“ sowie deren Vorbeugen anbelangt. Die diplomatischen Einrichtungen des Ministeriums verfolgen laufend die Massenmedien und reagieren unverzüglich auf jegliche Informationen darüber, dass, egal ob in der Presse, im Fernsehen oder im Internet, einer der fehlerhaften Gedächtnis-Codes verwendet wurde. Die Polnischen Botschaften im Ausland fordern konsequent Redaktionen auf, nur richtige Phrasen und Formulierungen zu veröffentlichen“ – sagte während des Abends Direktor des Polnischen Instituts Wien, Mag. Rafał Sobczak.

Prof. Dr. Artur Nowak-Far sprach über die Genese des Begriffes „fehlerhafte Gedächtnis-Codes“ sowie über die Entstehung der Publikation „Defective Codes of Memory”, wobei er betonte, dass die Autoren in ihren Beiträgen das Problem umfassend angegangen hätten, u.a. aus der Sicht der Psychologie und der Rechtswissenschaft, unter dem Aspekt der sprachlichen sowie der logischen Analyse. Prof. Dr. Nowak-Far unterstrich zudem, dass Polen nicht das einzige Land sei, das mit dem Problem zu kämpfen hat, denn die fehlerhaften Gedächtnis-Codes gibt es auch in Bezug auf viele andere Nationen, der meistverbreitete Code ist wohl „armenischer Genozid“.

Dr. Krzysztof Strzałka vom Departement für öffentliche und kulturelle Diplomatie des polnischen Außenministeriums behandelte umfassend die Frage der Bedeutung von fehlerhaften Gedächtnis-Codes für die polnische Außenpolitik. Zwischen 2008 und 2016 intervenierte das polnische Außenministerium 1155-mal wegen der sog. fehlerhaften Gedächtnis-Codes. Die Zahl der Interventionen polnischer diplomatischer Einrichtungen bezüglich der fehlerhaften Gedächtnis-Codes, die beim Außenministerium im Jahr 2017 bis 21. September gemeldet wurde, betrug 94. Glücklicherweise, wie Direktor Strzałka betonte, beweisen die Bemühungen des Außenministeriums eine hohe Effektivität, die 85 Prozent aller Fälle betrifft.

„An dieser Stelle möchte ich gerne unterstreichen, dass die überwältigende Mehrheit der Interventionen bei Redaktionen mit Korrekturen, Richtigstellungen und Entschuldigungen der jeweiligen Medienvertreter endete. In anderen Fällen wurden zudem Protestbriefe der diplomatischen Vertretungen Polens publiziert, in denen die Verwendung des fehlerhaften Ausdruckes „polnische Konzentrationslager“ aufgezeigt und berichtigt wurde. Dank Bemühungen der polnischen Diplomaten gilt dieser Ausdruck in den Stilbüchern ausländischer Radaktionen (Wall Street Journal, San Francisco Chronicle, New York Times, Yahoo, Associated Press) als verboten“ – erzählte Direktor Sobczak von seiner früherer Erfahrung als Pressesprecher des polnischen Außenministeriums.

Dr. Winfried Garscha vom Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstands bezog sich auf die fehlerhaften Gedächtnis-Codes am Beispiel Österreichs und dessen Abrechnung mit der Vergangenheit. Dr. Garscha hob hervor, dass wir es mit einer vergleichbaren Situation im Falle des ehemaligen KL Mauthausen-Gusen im heutigen Österreich sowie des ehemaligen KL Theresienstadt in Tschechen zu tun hätten. Selbstverständlich kann hier nicht von den „österreichischen“ bzw. „tschechischen Konzentrationslagern“ gesprochen werden.

Die Diskussion ist auf reges Interesse des Publikums gestoßen.