© Polnisches Institut Wien
Wissen
Parlamente und Verfassungen in Polen und in Österreich 1918–1921. Konferenz
07.06.2018 Universität Wien

Anlässlich des 100-Jahr-Jubiläums der Wiedererlangung der Unabhängigkeit Polens sowie des 100-Jahr-Jubiläums der Republik Österreich fand im Senatssitzungsaal der Universität Wien die wissenschaftliche Konferenz „Parlamente und Verfassungen in Polen und in Österreich 1918–1921“ statt, die vom Polnischen Institut in Kooperation mit der Universität Wien, dem Hans-Kelsen-Institut und dem Wissenschaftlichen Zentrum der Polnischen Akademie der Wissenschaften in Wien veranstaltet wurde.

An der Konferenz nahmen neben den vortragenden polnischen und österreichischen WissenschaftlerInnen auch Professoren und wissenschaftliche MitarbeiterInnen der Universität Wien, der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und der Universität Salzburg sowie Vertreter der ukrainischen, der tschechischen und der deutschen Botschaft in Österreich teil. Als einer der Ehrengäste war auch Prof. Dr. Lorenz Mikoletzky, ehemaliger Generaldirektor des Österreichischen Staatsarchivs, anwesend.

Die Konferenz wurde vom Direktor des Polnischen Instituts Wien, Mag. Rafał Sobczak, eröffnet, der in seiner Begrüßungsrede auf wichtige historische Ereignisse hinwies, die die Anregung zur Organisation der Konferenz gegeben haben – das 100-Jahr-Jubiläum der Wiedererlangung der Unabhängigkeit Polens, den 100. Jahrestag der Gründung der Republik Österreich und den achtzigsten Jahrestag des Anschlusses Österreichs an das Dritte Reich.

Der Erste Weltkrieg hinterließ tiefe Spuren im Bereich der Politik und der Sozioökonomie, und er führte zur Entstehung neuer Nationalstaaten in Mitteleuropa, darunter das wiedererstandene Polen und Österreich als Nachfolgestaat der österreichisch-ungarischen Monarchie – sagte Direktor Sobczak in seiner Ansprache und erwähnte zudem zwei durchaus wichtige Jahrestage – insbesondere aus der Perspektive der Geschichte des Parlamentarismus und der Rechtswissenschaften –, die heuer begangen werden.

Wenn wir über die Entwicklung des Parlamentarismus nach dem Ersten Weltkrieg sprechen, sollten wir eine sehr wichtige Tatsache nicht vergessen, nämlich die Entwicklung des Frauenwahlrechts. Polen und Österreich gehörten im Jahre 1918 zu den ersten Ländern, die den Frauen ein solches Recht zuerkannt haben – sagte Direktor Sobczak.

Unsere Konferenz ist auch eine gute Gelegenheit, eine sehr wichtige Persönlichkeit zu erwähnen. Heuer begehen wir den 100. Geburtstag von Prof. Dr. Kazimierz Opałek. Herr Prof. Opałek gehört zu den bedeutendsten Juristen des 20. Jahrhunderts – führte Direktor Sobczak weiter aus und rief diesen herausragenden Rechtsgelehrten, einen Experten auf dem Gebiet der Rechts- und Staatstheorie in Erinnerung, der auch Mitglied der Polnischen Akademie der Wissenschaften war.

Im Mittelpunkt der Konferenz standen die Entwicklung von Rechts- und Verfassungsinstitutionen sowie das Wiederaufleben des Parlamentarismus in beiden Ländern nach dem Ersten Weltkrieg. Besondere Aufmerksamkeit wurde auch der österreichischen Verfassung vom 1. Oktober 1920 und einem ihrer Hauptväter, Hans Kelsen, sowie der polnischen Verfassung vom 17. März 1921 gewidmet. Die Konferenz bot zudem eine Plattform für historische, rechtshistorische und verfassungsrechtliche Vergleiche in Bezug auf die parlamentarische Demokratie in der Ersten Republik Österreich und der Zweiten Republik Polen.

Den Einführungsvortrag mit dem Titel „1918: Das neue Europa“ hielt Botschafter Dr. Emil Brix, österreichischer Historiker und Diplomat, Generalkonsul der Republik Österreich in Krakau von 1990 bis 1995, österreichischer Botschafter in London von 2010 bis 2015 sowie in Moskau von 2015 bis 2017. Zurzeit steht er der Diplomatischen Akademie in Wien als deren Direktor vor. Botschafter Brix skizzierte die politische Lage in Europa nach dem Ersten Weltkrieg, die damals von Nationalstaaten bestimmt wurde.

Während der ersten Diskussionsrunde, die von Prof. Dr. Bogusław Dybaś, dem Direktor des Wissenschaftlichen Zentrums der Polnischen Akademie der Wissenschaften in Wien sowie Historiker, moderiert wurde, hörten die Konferenzteilnehmer drei Vorträge: „Das Parlament als Staatsgründer und Verfassungsgeber. Die Provisorische und die Konstituierende Nationalversammlung der Republik (Deutsch-)Österreich 1918-1920“ von Dr. Günther Schefbeck, Direktor des Parlamentsarchives, „Der cisleithanische Reichsrat als Schule des Parlamentarismus“ von DDr. Christoph Schmetterer, Universität Wien, sowie „Von parteilichen zur unparteilichen Wahlordnung bei den Sejm-Wahlen des wiedererstandenen Polens (1918-1939)“ von Dr. Romuald Kraczkowski, Fakultät für Recht und Verwaltung der Universität Warschau.

Die Moderation der zweiten Diskussionsrunde übernahm Prof. Dr. Thomas Olechowski, Geschäftsführer der Bundesstiftung Hans Kelsen-Institut und Leiter der Forschungsstelle für Rechtsquellenerschließung am Institut für Rechts- und Verfassungsgeschichte der Universität Wien sowie Obmann der Kommission für Rechtsgeschichte Österreichs der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Dieses Panel bestand aus zwei Vorträgen: „Hans Kelsen und die polnische Verfassungstradition (1918-2018)“ von Prof. Dr. Artur Nowak-Far, Professor für Rechtswissenschaften an der Wirtschaftsuniversität SGH in Warschau und ehemaliger Unterstaatssekretär im Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten der Republik Polen von 2013 bis 2015 und „Hans Kelsen und die Entwicklung des B-VG 1920“ von Prof. Dr. Clemens Jabloner, Professor am Institut für Rechtsphilosophie, Religions- und Kulturrecht der Universität Wien, ehemaliger Präsident des österreichischen Verwaltungsgerichtshofs und Geschäftsführer der Bundesstiftung Hans Kelsen-Institut.

Im Rahmen der dritten Diskussionsrunde, die von Dr. Klaus Zeleny, Hans Kelsen-Institut, moderiert wurde, wurden zwei Vorträge gehalten: „Die Rezeption Kelsens in Polen. Zum 100. Geburtstag von Prof. Kazimierz Opałek (1918-1995)“ von Dr. Monika Zalewska, Fakultät für Recht und Verwaltung der Universität Łódź und „Die Wiener Rechtstheoretische Schule Hans Kelsens in Österreich vor und nach dem Zweiten Weltkrieg“ von Prof. Dr. Thomas Olechowski.

Resümiert wurde die Konferenz von Prof. Dr. Bogusław Dybaś und Prof. Dr. Gerald Stourzh, einem der bedeutendsten österreichischen Historiker der Gegenwart, der sich vor allem mit Neuerer Geschichte vom 18. bis zum 20. Jahrhundert, insbesondere mit der Geschichte Nordamerikas, der Habsburgermonarchie und der Republik Österreich, politischer Ideengeschichte, Verfassungsgeschichte und mit der Geschichte der Menschenrechte befasst. Er lehrte von 1964 bis 1969 als Professor an der Freien Universität Berlin und ab 1969 bis zu seiner Emeritierung 1997 an der Universität Wien.